Chauro - Kapitel 1
- lotteschlicht
- 25. Aug. 2025
- 4 Min. Lesezeit

Kapitel 1 - Im Jahre 278 nach den Drachen
Leere.
Stille.
Nichts.
Dann…
Etwas geschieht.
Da ist etwas Unbestimmtes, etwas Unbekanntes und Neues. Wann begann es und wie?
Aber es ist etwas anders.
Etwas ist da, etwas wie ein Zucken. Es ist Bewegung. Oder vielleicht doch nicht? Stille und Leere ringsherum. Dann wieder. Jetzt ganz deutlich. Bewegung. Und wieder. Und wieder. Dann wieder Äonen in denen nichts geschieht.
Dann ganz deutlich eine Bewegung. Wieder etwas Neues, etwas wie ein Gedanke. Ein Gedanke und eine Bewegung. Müdigkeit. Leere und Stille. Dann wieder ein Gedanke … und eine Bewegung.
Einen Gedanken denken und eine Bewegung spüren. Das ist … anstrengend. Und wieder Leere. Aber dann wieder Gedanke – Bewegung – Gedanke – Bewegung. Wieder und wieder und immer öfter folgen Gedanke und Bewegung aufeinander. Dann wieder Leere. Gedanke! Nein, das war etwas anderes. Auch eine Bewegung, aber anders. Noch einmal probieren. Es gelingt nicht gleich, aber dann doch wieder: die andere Bewegung. War nicht auch der Gedanke ein wenig anders? Ausprobieren. Wiederholen. Spüren. Bewegung. Unterbrochen von Erschöpfung und Leere.
Mancher Gedanke wird langsam vertraut. Manche Bewegung wird langsam vertraut. Gedanken und Bewegungen, die stets aufeinander folgen. Viele Pausen. Erschöpfung. Begreifen: Auf Gedanke folgt Bewegung. Aber nun ist da wieder etwas Neues: Ein Gedanke, dessen Bewegung gebremst wird. Es ist Druck. Es ist Enge. Es ist Widerstand. Und es ist eine Herausforderung. Gedanke. Gegen den Widerstand arbeiten. Gebremste Bewegung. Mehr Druck. Unendlich oft, unendlich lange. Dann plötzlich: Der Widerstand verschwindet und es wird wieder viel Platz. Und alles ist ganz plötzlich überwältigend anders und völlig fremd, viel mehr als nur Impuls und Bewegung. Es fühlt sich anders an. Vorher warm und feucht – jetzt kalt und trocken. Die Umgebung ist fremd, trocken, seltsam. Die Umgebung ist Luft. Unerwartet gibt es ein ganz neues Gefühl, einen, der von außen kommt: Es ist laut. Dann eine Bewegung, die nicht von einem Impuls herzurühren scheint, und doch gleichmäßig und wichtig. Es ist Atmen. Erschöpfung. Etwas ganz Neues, das sich nicht einordnen lässt, das aber vorher nicht da war: Es ist Geruch. Und noch ein weiterer neuer Eindruck: Es ist nicht mehr dunkel – es ist hell. Alles ist fremd. Alles macht Angst. Doch die Erschöpfung siegt. Wieder ein neuer Impuls und eine Bewegung: Es wird wieder dunkel.
Gedanke und Bewegung gehen weiter. Es wird wieder hell. Ein anderer Geruch führt zu etwas Neuem: Es ist Hunger. Eine Berührung und ein intensiverer Geruch: Es ist Geschmack. Beinahe automatisch ein neuer Gedanke und eine neue Bewegung. Seltsame Bewegung. Der Hunger verschwindet.
Alles fühlt sich ganz anders an, aber manche Bewegung ist dennoch vertraut. Herumprobieren. Es gibt eine Bewegung, die das Licht verdunkelt. Und es ist nicht alles gleich hell: Es gibt heller und dunkler. Und es gibt Veränderung im hell und dunkel. Manchmal scheint Bewegung und hell und dunkel zusammenzuhängen. Herumprobieren. Begreifen – diese Bewegung führt zu diesem Lichtspiel. Aber nicht jede Bewegung wird sichtbar. Und nicht jede sichtbare Veränderung beruht auf Bewegung. Seltsam. Herumprobieren. Immer klarere Konturen im Hell und Dunkel. Schlafen.
Anstrengung, neue Eindrücke und Empfindungen und Begreifen wechseln einander ab. Auf Dunkel folgt Licht, auf Hunger Sättigung, auf Gedanke Bewegung. Manchmal folgt auf Bewegung Berührung. Und manchmal folgt auf Bewegung Berührung an mehreren Stellen. Manches was zu sehen ist, scheint Sinn zu machen. Manche Bewegung und manche Berührung scheint sichtbar zu sein. Es gibt Dinge, die sich durch einen Gedanken bewegen lassen, Dinge, deren Berührung wahrnehmbar ist. Es gibt andere Dinge, die fremd sind, nicht veränderbar, nicht spürbar. Es gibt Dinge, die nicht-ich sind. Es gibt mich. Ich bin.
Nach und nach wird die Welt klarer, macht mehr Sinn. Ich spüre, wie alle Eindrücke immer klarer werden. Vieles, was zunächst fremd wirkte, wiederholt sich immer. Das Licht und die Bewegung um mich herum verändert sich beständig, aber bleibt doch in seinem Wesen immer gleich. Wenn ich die Augen öffne wird es hell. Wenn ich die Augen schließe wird es dunkel. Wenn ich Hunger bekomme, kommt ein Geruch, ein Geräusch, Bewegung, Geschmack. Dann Kauen und Schlucken und Sättigung.
Das Geräusch, das das Stillen meines Hunger begleitet ist andersartig als die anderen Geräusche. Es ist eine Stimme. "Chauro.", sagt diese Stimme jedes Mal. Und zu der Stimme gehrt ein Gesicht. Es ist meine Mutter. Für mich ist sie Chma-Ma. Zu dem Gesicht gehört ein Blick. Zu dem Blick gehört eine Berührung. Ihre Hand hebt sich vor meine Nase, und ich rieche ihren unbeschreiblichen Geruch. Sie reibt mir mit dem Handrücken sachte über den grünen Fleck, auf den ich gerade noch schielen kann, wenn ich mich anstrenge, und die Berührung erfüllt mich mit einem Gefühl der Geborgenheit und des Vertrauens. Ich sehe zu ihr auf, unwillkürlich schnellt meine Zunge hervor, und wickelte sich einmal um ihre Handgelenk. Dann gibt es eine Mahlzeit. Satt und zufrieden schlafe ich ein.
So stellt sich nach und nach eine gewisse Routine ein. Ich schlafe und sobald ich erwache blicke ich mich um, warte auf die Chma-Ma und ihre Schüssel. Mit der Zeit wird sie kleiner. Als sie mich zum ersten Mal angesehen hat, war ihre Hand so groß wie mein Gesicht. Inzwischen muss ich meinen Kopf ganz flach auf die Kohlen betten, damit ihre Hand über meine Nase gleiten kann. Ich genieße die leichte Berührung jedes Mal, manchmal brumme ich ein bisschen, weil sich das richtig anfühlt. Aber diese Momente gehen immer viel zu schnell vorbei und meine Enttäuschung, wenn sie geht, ist jedes Mal von neuem groß. Manchmal bringt sie auch Kohle und füllt das Kohlebecken, auf dem ich schlafe, neu auf. Kohle schmeckt furchtbar bröselig und trocken, aber sie ist wunderbar warm! Und dann begreife ich plötzlich, dass die Welt sehr viel größer ist, als ich angenommen hatte.

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